Schwarze Hose. Weisses Shirt. Mehr brauchte ich irgendwann nicht mehr.
Nicht, weil ich eines Morgens beschlossen hatte, mich vor der Welt zu verstecken. Ich habe mir auch keine grossen Gedanken darüber gemacht. Es war einfach das Einfachste.
Schwarz passt zu Weiss. Weiss passt zu Schwarz. Man muss morgens nicht überlegen. Man kann nichts falsch machen. Also griff ich immer wieder zu denselben Sachen.
Schwarze Hose. Weisses Shirt.
Manchmal versuchte ich es mit etwas Farbe. Ich zog ein farbiges Oberteil an, betrachtete mich im Spiegel – und zog es wieder aus. Ich habe es einfach nicht gefühlt.
Also zurück zu Schwarz. Zurück zu Weiss.
Und ohne dass ich es wirklich bemerkte, wurde mein Kleiderschrank immer farbloser. Irgendwann wurde mir bewusst: Es war nicht nur mein Kleiderschrank.
Auch ich war farblos geworden.
Wann ist eigentlich alles so farblos geworden?
Seit ich darüber nachdenke, fällt mir auf, dass nicht nur ich meine Farbe verloren hatte. Irgendwie scheint unsere ganze Welt farbloser geworden zu sein.
Schau dir Neubauten an. Weisse Fassade. Schwarze Fensterrahmen. Grauer Boden. Anthrazitfarbene Küche. Beige Einrichtung.
Schön? Ja. Modern? Absolut.
Aber manchmal frage ich mich: Wo ist eigentlich die Farbe geblieben?
Dasselbe auf unseren Strassen. Schwarz. Weiss. Grau. Silber.
Natürlich gibt es noch rote, blaue, gelbe oder grüne Autos. Aber wie oft siehst du sie im Vergleich zu all den schwarzen und weissen?
Selbst unsere Wohnungen sehen sich immer ähnlicher. Weisse Wände. Beiges Sofa. Schwarzer Couchtisch. Ein bisschen Holz. Vielleicht ein Olivenbaum in der Ecke.
Und fertig ist das perfekte Zuhause.
Unsere Welt wird monochrom – und wir gleich mit
Vielleicht ist es Zufall. Vielleicht aber auch nicht.
Denn während unsere Häuser, Autos und Wohnungen immer neutraler wurden, scheint sich diese Ästhetik auch auf uns Menschen übertragen zu haben.
Unsere Kleiderschränke wurden zu Capsule Wardrobes. Schwarz. Weiss. Beige. Grau.
Unsere Instagram-Feeds wurden perfekt aufeinander abgestimmt. Unsere Wohnungen mussten plötzlich einer Farbpalette entsprechen.
Alles sollte clean sein. Zeitlos. Ästhetisch. Harmonisch.
Nur bloss nichts, was das Gesamtbild stört.
Und irgendwann habe ich mich gefragt:
Haben wir vor lauter Ästhetik vielleicht ein bisschen unsere Farbe verloren?
Schwarz und Weiss waren für mich einfach
Bei mir war es keine bewusste Entscheidung gegen Farbe. Schwarz und Weiss waren einfach bequem.
Nicht unbedingt körperlich – sondern im Kopf.
Ich musste nicht überlegen, was zusammenpasst. Ich musste morgens keine Entscheidung treffen. Ich wusste, dass es funktioniert.
Und vielleicht war genau das der Punkt.
Ich wollte funktionieren. Also trug ich Kleidung, die funktionierte.
Es gab Phasen, in denen ich wieder versucht habe, Farbe in meinen Kleiderschrank zu bringen. Ich kaufte etwas Buntes oder zog ein Kleidungsstück an, das früher vielleicht selbstverständlich für mich gewesen wäre.
Aber sobald ich vor dem Spiegel stand, fühlte es sich falsch an.
Nicht hässlich. Nicht unpassend.
Einfach nicht nach mir.
Also zog ich wieder mein Schwarz und Weiss an.
Wenn man sich selbst irgendwann nicht mehr spürt
Heute glaube ich, dass mein Kleiderschrank ziemlich gut gezeigt hat, wie es in mir aussah.
Ich war da. Ich habe funktioniert. Ich bin morgens aufgestanden, habe mich angezogen und meinen Alltag gelebt.
Aber vieles von dem, was mich einmal ausgemacht hatte, war leiser geworden.
Meine Lust, Dinge auszuprobieren. Meine Freude daran, mich schön anzuziehen. Meine Sinnlichkeit. Meine Verspieltheit. Meine Lust, einfach etwas zu tragen, weil es mir gefällt.
Vielleicht war ich deshalb nicht bereit für Farbe.
Nicht weil ich sie nicht mochte.
Sondern weil ich sie in diesem Moment einfach nicht gefühlt habe.
Sich selbst zu verstecken passiert manchmal ganz unbemerkt
Ich glaube, wir stellen uns unter „sich selbst verstecken“ oft etwas sehr Bewusstes vor. Als würden wir aktiv beschliessen, uns kleiner zu machen.
Bei mir war es viel unspektakulärer.
Ich habe mich nicht jeden Morgen gefragt, wie ich möglichst wenig auffallen kann. Ich habe einfach das angezogen, was am einfachsten war.
Und trotzdem habe ich mich damit ein Stück weit versteckt.
Nicht bewusst. Sondern ganz langsam. Fast unbemerkt.
Heute trage ich Weiss – und fühle mich trotzdem nicht mehr farblos
Das Spannendste daran ist für mich heute: Ich trage noch immer gerne Weiss. Manchmal sogar komplett.
Ein weisses Kleid enthält schliesslich genauso wenig Farbe wie mein damaliges weisses Shirt.
Und trotzdem fühlt es sich vollkommen anders an.
Heute kann ich ein weisses Kleid anziehen und das Gefühl haben, zu leuchten.
Ich fühle mich feminin darin. Präsent. Schön.
Ich möchte mich darin zeigen.
Und genau daran merke ich, dass es eigentlich nie um die Farbe ging.
Farblos zu sein bedeutet für mich heute nicht, keine Farbe zu tragen.
Es bedeutet, sich selbst darin nicht mehr zu spüren.
Vielleicht brauchen wir wieder ein bisschen mehr Farbe
Je mehr ich darauf achte, desto mehr wünsche ich mir manchmal, unsere Welt würde wieder ein bisschen bunter werden.
Nicht im Sinne von: Jeder muss jetzt seine Wohnung pink streichen und ein gelbes Auto kaufen.
Sondern weniger perfekt. Weniger durchgestylt. Weniger darauf bedacht, dass alles zusammenpasst.
Vielleicht darf eine Wohnung wieder eine Wand haben, deren Farbe gerade einfach glücklich macht.
Vielleicht darf ein Auto wieder knallrot sein.
Vielleicht dürfen wir ein Kleid kaufen, obwohl es überhaupt nicht in unsere Capsule Wardrobe passt.
Und vielleicht dürfen auch wir Menschen wieder ein bisschen mehr aus der Reihe tanzen.
Ich möchte wieder leuchten
Ich weiss nicht, ob mein Kleiderschrank jemals wieder kunterbunt wird. Vielleicht auch nicht.
Denn darum geht es gar nicht.
Ich möchte nicht möglichst viele Farben tragen.
Ich möchte wieder das tragen, was ich fühle.
Heute kann das ein weisses Kleid sein. Morgen vielleicht Bordeauxrot. Und an einem anderen Tag wieder eine schwarze Hose.
Der Unterschied zu früher ist nicht die Farbe.
Der Unterschied ist, dass ich mich wieder darin erkenne.
Dass ich mich nicht mehr anziehe, um einfach irgendwie durch den Tag zu kommen.
Dass ich wieder Freude daran habe, mich zu zeigen.
Vielleicht ist genau das meine Definition davon, wieder Farbe zu bekommen.
Nicht bunter zu werden.
Sondern wieder lebendiger.
Denn heute weiss ich:
Du brauchst keine Farbe, um zu leuchten.
Aber du musst dich wieder trauen, dein eigenes Licht anzumachen.
With Love
Carolin