Es gibt diesen einen Moment. Nicht laut, nicht dramatisch. Niemand sieht ihn. Und doch verändert er alles. Es ist der Moment, in dem du merkst, dass du nicht mehr kannst. Nicht, weil du schwach bist. Sondern weil du seit Jahren kämpfst.

Du kämpfst darum, gesehen zu werden.
Du kämpfst darum, alles richtig zu machen.
Du kämpfst darum, niemanden zu enttäuschen.
Du kämpfst darum, nach aussen alles gut aussehen zu lassen, obwohl es in dir ganz anders aussieht.
Du kämpfst darum, allen Erwartungen gerecht zu werden.
Du kämpfst darum, immer stark zu sein.
Du kämpfst darum, zu funktionieren.
Du kämpfst darum, endlich das Gefühl zu haben, genug zu sein.

Und irgendwann sitzt du einfach nur da und denkst:
„Ich bin müde.“
Nicht körperlich.
Seelisch.

Lange Zeit war ich überzeugt, dass das Leben eben so ist.
Dass man sich anstrengen muss.
Dass Erfolg hart erarbeitet werden muss.
Dass Liebe Kampf bedeutet.
Dass man funktionieren muss, egal wie es einem geht.
Ich kannte es gar nicht anders. Wenn etwas leicht war, wurde ich misstrauisch.
Wenn es ruhig wurde, wartete ich darauf, dass gleich wieder etwas passiert. Mein Nervensystem hatte gelernt, dass Anspannung normal ist.
Nicht Frieden.

Das Verrückte ist: Irgendwann merken wir gar nicht mehr, wogegen wir eigentlich kämpfen.
Wir kämpfen gegen unseren Körper, weil er nicht so aussieht, wie wir glauben, dass er aussehen müsste.
Wir kämpfen gegen unsere Gefühle, weil sie unbequem sind.
Wir kämpfen gegen unsere Vergangenheit.
Wir kämpfen gegen unsere Fehler.
Wir kämpfen gegen jede Version von uns, die nicht perfekt ist.
Und während wir versuchen, jemand anderes zu werden, entfernen wir uns immer weiter von der Person, die wir eigentlich sind. Vielleicht ist genau dass der Grund, warum sich so viele Menschen innerlich leer fühlen.
Nicht, weil ihnen etwas fehlt. Sondern weil sie sich selbst verloren haben

Unser Körper unterscheidet nicht zwischen einem Säbelzahntiger und ständigem emotionalem Stress. Wenn wir über Jahre glauben, kämpfen zu müssen, bleibt unser Nervensystem im Überlebensmodus.
Es ist dauerhaft auf Alarm.
Fight.
Flight.
Freeze.
Mit der Zeit lernt unser Nervensystem etwas Entscheidendes:
Anspannung bedeutet Sicherheit. Ruhe hingegen fühlt sich ungewohnt an.
Vielleicht kennst du das. Du setzt dich endlich einmal hin und sofort meldet sich dieses schlechte Gewissen. Du denkst, du müsstest noch etwas erledigen. Du kannst den Moment gar nicht geniessen. Vielleicht fühlst du dich sogar faul. Nicht, weil du es bist. Sondern weil dein Nervensystem über Jahre gelernt hat, dass Ausruhen nicht sicher ist. Dass du erst leisten musst.
Dass du erst funktionieren musst.
Dass du dir Entspannung erst verdienen musst.
Deshalb reicht es oft nicht, einfach Urlaub zu machen oder mehr zu schlafen. Nicht unser Kalender ist erschöpft. Unser Nervensystem ist es.

Vielleicht bist du nur müde davon, jemand sein zu müssen, der du nie warst. Vielleicht bist du müde davon, immer stark zu sein.
Immer zu funktionieren.
Immer Erwartungen zu erfüllen.
Immer perfekt wirken zu wollen.
Vielleicht bist du nicht erschöpft, weil du zu wenig schläfst. Sondern, weil du jeden Tag gegen dich selbst kämpfst.

Ich weiss noch, wie schwer es mir gefallen ist, nichts zu tun.
Nicht leisten.
Nicht funktionieren.
Nicht kämpfen.
Es fühlte sich an, als würde ich aufgeben. Heute weiss ich: Ich habe nicht aufgegeben.
Ich habe aufgehört, gegen mich selbst zu kämpfen. Rückblickend war genau das der Moment, in dem ich angefangen habe, mich selbst zu wählen. Nicht die Erwartungen anderer. Nicht das Funktionieren. Sondern mich.
Und das war wahrscheinlich der mutigste Schritt meines Lebens.

Das ist wahrscheinlich einer der tiefsten Glaubenssätze, die viele von uns in sich tragen.
„Ich muss erst … dann bin ich liebenswert.“
Wenn ich schlanker bin.
Wenn ich erfolgreicher bin.
Wenn ich schöner bin.
Wenn ich perfekter bin.
Doch was, wenn das nie wahr war? Was, wenn Liebe nie etwas war, dass du dir verdienen musstest? Was, wenn dein Wert nie von deiner Leistung abhängig war?

Nicht darin, noch mehr an dir zu arbeiten. Nicht darin, noch produktiver zu werden. Nicht darin, endlich die perfekte Version von dir selbst zu erschaffen. Sondern darin, dich zu erinnern. An die Person, die du warst, bevor dir jemand erzählt hat, dass du nicht genug bist. Bevor du gelernt hast, immer stark sein zu müssen. Bevor du geglaubt hast, Liebe müsse man sich verdienen. Vielleicht ist Heilung gar kein Werden. Vielleicht ist Heilung ein Erinnern.

Ich weiss, wie sich dieser Kampf anfühlt. Ich weiss, wie es ist, morgens aufzuwachen und schon vor dem Aufstehen erschöpft zu sein. Ich weiss, wie laut die eigenen Gedanken werden können. Und ich weiss auch, dass auf der anderen Seite etwas auf dich wartet. Nicht das perfekte Leben. Nicht ein Leben ohne Herausforderungen. Sondern ein Leben, in dem du nicht mehr gegen dich arbeitest. Ein Leben, in dem du wieder tief durchatmen kannst. Ein Leben, in dem du nicht jeden Tag beweisen musst, dass du genug bist. Vielleicht ist genau heute der Tag, an dem du den Kampf beendest.

Nicht gegen das Leben.
Sondern gegen dich selbst.

Love
Carolin

← Zurück zum Blog