Manchmal wünsche ich mir nichts mehr als Ruhe. Nicht unbedingt um mich herum. Es darf Musik laufen, Menschen dürfen reden, Autos dürfen an meinem Fenster vorbeifahren. Diese Art von Ruhe meine ich nicht.

Ich möchte Ruhe in meinem Kopf.

Ich möchte einen Gedanken denken können, ohne dass daraus fünf neue entstehen. Ich möchte ein Gespräch führen, ohne es Stunden später noch einmal auseinanderzunehmen. Ich möchte Entscheidungen treffen, ohne danach sämtliche anderen Möglichkeiten durchzugehen. Ich möchte auf dem Sofa liegen, ohne gedanklich schon wieder beim nächsten Tag, der nächsten Woche oder meinem ganzen Leben zu sein.

Ich möchte einfach mal sein, ohne gleichzeitig über mein Sein nachzudenken.

Ich denke viel. Eigentlich schon immer. Ich beobachte, analysiere, hinterfrage und versuche zu verstehen. Menschen, Situationen, mich selbst. Das ist ein Teil von mir, den ich grundsätzlich sogar mag. Ich mag meine Tiefe. Ich mag es, Dinge nicht einfach nur oberflächlich zu betrachten. Ich möchte verstehen, warum etwas passiert, was es mit mir macht und was dahintersteckt.

Aber irgendwann gibt es einen Punkt, an dem aus Nachdenken ein Gedankenkarussell wird.

Dann bringt mich das Denken nicht mehr weiter. Es dreht sich nur noch im Kreis. Ich gehe Gespräche wieder und wieder durch. Überlege, was jemand mit einem Satz gemeint haben könnte. Denke über Dinge nach, die längst passiert sind, und über Dinge, die vielleicht niemals passieren werden. Ich versuche Antworten auf Fragen zu finden, auf die es in diesem Moment vielleicht noch gar keine Antwort gibt.

Und obwohl mein Körper längst müde ist, läuft mein Kopf einfach weiter.

Vielleicht ist das eines der Dinge, die ich erst in den letzten Monaten wirklich verstanden habe: Ich habe unglaublich viel versucht, mit meinem Kopf zu lösen.

Wenn etwas nicht gut lief, dachte ich darüber nach. Wenn ich mich schlecht fühlte, analysierte ich, warum. Wenn eine Situation unsicher war, spielte ich sämtliche Möglichkeiten durch. Wenn ich Angst vor etwas hatte, versuchte ich mich gedanklich darauf vorzubereiten.

Immer in der Hoffnung, irgendwann an diesen einen Gedanken zu kommen, der alles löst.

Vielleicht gibt uns Denken manchmal das Gefühl von Kontrolle. Wenn ich alle Möglichkeiten durchgespielt habe, kann mich nichts überraschen. Wenn ich genau verstehe, warum etwas passiert ist, kann ich verhindern, dass es wieder passiert. Wenn ich nur lange genug darüber nachdenke, finde ich irgendwann die richtige Antwort.

Nur funktioniert das Leben leider nicht so.

Manche Dinge lassen sich nicht zu Ende denken. Manche Menschen werden wir nie vollständig verstehen. Manche Entscheidungen zeigen erst viel später, ob sie richtig waren. Und manche Antworten kommen nicht, während wir verzweifelt nach ihnen suchen.

Irgendwann war ich nicht nur körperlich müde. Ich war auch müde davon, innerlich ständig gegen etwas anzukämpfen.

Es gibt eine Form von Müdigkeit, die Schlaf allein nicht lösen kann. Wenn der Körper auf dem Sofa liegt, der Kopf aber weiterarbeitet, ist die Pause irgendwie keine richtige Pause.

Du kannst einen freien Nachmittag haben und trotzdem nicht abschalten können. Du kannst am Meer liegen und gedanklich bei einem Problem zu Hause sein. Du kannst einen wunderschönen Moment erleben und gleichzeitig darüber nachdenken, was danach kommt.

Äusserlich passiert nichts.

Innerlich arbeitest du weiter.

Und genau das finde ich so erschöpfend am ständigen Nachdenken: Es nimmt einem die Momente, in denen eigentlich gerade gar nichts gelöst werden müsste.

Lange dachte ich, Ruhe bedeutet, nichts zu tun. Also auf dem Sofa liegen. Einen freien Tag haben. Urlaub machen. Keine Termine haben.

Aber ich habe gelernt, dass körperliche Ruhe und innere Ruhe zwei völlig verschiedene Dinge sind.

Ich kann still auf dem Sofa sitzen und innerlich einen Marathon laufen.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum sich manche Pausen gar nicht erholsam anfühlen. Der Körper hat aufgehört, aber der Kopf hat die Schicht übernommen.

Und irgendwann habe ich verstanden: Ich brauche nicht nur weniger Termine. Ich brauche Momente, in denen ich mich sicher genug fühle, nicht über alles nachdenken zu müssen.

Vielleicht war genau dieses ständige Funktionieren auch einer der Gründe, warum ich irgendwann das Gefühl hatte, selbst farblos geworden zu sein.

Nicht jeder Gedanke braucht meine Aufmerksamkeit

Eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich war eigentlich unglaublich simpel: Nur weil ein Gedanke auftaucht, muss ich ihm nicht folgen.

Das klingt leichter, als es ist.

Denn manche Gedanken kommen mit einer Dringlichkeit in unseren Kopf, als müssten wir sie sofort lösen. Was, wenn …? Warum hat er das gesagt? Hätte ich anders reagieren sollen? Was mache ich, wenn …?

Und schon sitzen wir wieder im Gedankenkarussell.

Heute versuche ich öfter, mich zu fragen: Muss ich das gerade wirklich lösen?

Nicht morgen. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.

Erstaunlich oft lautet die Antwort: Nein.

Der Gedanke darf trotzdem da sein. Aber ich muss mich nicht neben ihn setzen und die nächsten zwei Stunden mit ihm diskutieren.

Vielleicht liegt genau hier etwas, das ich lange vergessen hatte: Nicht jede Antwort liegt im Denken.

Manche Dinge müssen wir fühlen.

Ich merke inzwischen, wie gut mir alles tut, was mich aus meinem Kopf zurück in meinen Körper und in den Moment bringt. Bewegung. Ein Spaziergang. Wasser. Musik. Bewusst atmen. Etwas mit den Händen machen. Schreiben. Die Sonne im Gesicht spüren. Wahrnehmen, wie sich mein Körper gerade eigentlich anfühlt.

Es sind keine spektakulären Dinge. Aber genau deshalb funktionieren sie für mich.

Denn während mein Kopf ständig irgendwo zwischen gestern und morgen unterwegs ist, existiert mein Körper immer nur im Jetzt.

Vielleicht bedeutet Präsenz genau das: nicht aufzuhören zu denken, sondern immer wieder zurückzukommen.

Und vielleicht ist auch das eine Form davon, mich selbst zu wählen: nicht jedem Gedanken, jeder Erwartung und jedem Problem mehr Raum zu geben als mir selbst.

Ich glaube, früher hätte ich mir gewünscht, einfach weniger zu denken. Einen Schalter zu haben, mit dem ich meinen Kopf ausschalten kann.

Heute sehe ich das anders.

Ich möchte meine Gedanken gar nicht loswerden.

Ich möchte meine Tiefe nicht verlieren. Meine Neugier nicht. Meine Fähigkeit, Menschen zu beobachten, Zusammenhänge zu erkennen und Dinge zu hinterfragen. Ich möchte auch die Welten nicht verlieren, die manchmal nur in meinem Kopf existieren.

All das gehört zu mir.

Ich möchte nur lernen, nicht mehr jedem Gedanken hinterherzulaufen.

Vielleicht ist innere Ruhe deshalb gar nicht dieser vollkommen stille Zustand, den ich mir immer vorgestellt habe. Vielleicht bedeutet Frieden im Kopf nicht, dass dort nichts mehr passiert.

Vielleicht bedeutet Frieden, dass Gedanken kommen dürfen, ohne dass jeder von ihnen einen Kampf auslöst.

Ich möchte nicht mehr alles verstehen müssen.

Ich möchte nicht jedes Gespräch analysieren. Nicht jede Zukunft vorausdenken. Nicht jede Entscheidung hundertmal überprüfen. Nicht für jedes mögliche Problem schon heute eine Lösung finden.

Ich möchte darauf vertrauen, dass ich mit manchen Dingen umgehen kann, wenn sie tatsächlich passieren.

Und ich möchte wieder öfter dort sein, wo mein Leben gerade stattfindet.

Nicht gestern.

Nicht morgen.

Hier.

Der Gedanke, nicht mehr alles kontrollieren zu müssen, sondern selbst zu entscheiden, wer du heute sein möchtest, ist eine schöne Brücke zu „diejenige, die sich selbst erschafft“.

Vielleicht wird es in meinem Kopf niemals vollkommen still. Vielleicht muss es das auch gar nicht.

Denn dieser Kopf gehört zu mir. Mit all seinen Ideen, Fragen, Erinnerungen, Fantasien und manchmal vollkommen unnötigen Gedankenschleifen.

Ich möchte ihn nicht zum Schweigen bringen.

Ich möchte nur lernen, freundlicher mit ihm zu leben.

Nicht jeden Gedanken bekämpfen. Nicht jeden Gedanken glauben. Nicht jeden Gedanken lösen.

Manchmal darf ein Gedanke einfach vorbeiziehen, ohne dass ich ihm folgen muss.

Vielleicht ist genau das der Frieden, nach dem ich suche.

Nicht die Abwesenheit von Gedanken.

Sondern das Gefühl, dass ich zwischen all diesen Gedanken trotzdem noch mich hören kann.

Ich möchte keinen leeren Kopf. Ich möchte einen friedlichen.

Mit Liebe
Carolin

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